Spiele sind seltsame Dinge. Verbreitet bei allen höher entwickelten Lebewesen, vielleicht gar der Ursprung der Kultur überhaupt, gleichzeitig manchmal als kindisch, Zeitverschwendung, ja gar gefährlich verschrieen. Wobei letzteres in Ausnahmefällen zutreffen (Stichwort Sucht), aber natürlich nicht monokausal auf das Spiel als solches zurückgeführt werden kann.
Rollenspiele sind natürlich Spiele, im weiteren Sinne. Allerdings nicht nur so wie Brettspiele, die man mal aus- und dann wieder wegpackt, sondern als Hobby in meinen Augen vielmehr eine höhere Kulturtechnik. Über das, was Rollenspiel konkret als Spiel ausmacht, wird von jeher vielfältig, aber nicht immer fundiert debattiert. Auch darum gibt es RPGnosis.
Den Beginn der “Spieleforschung” mit Schiller und anderen Autoren des 19. Jahrhunderts blenden wir hier vorerst ebenso aus wie die modernsten Konzepte (dazu mehr in späteren Artikeln) und konzentrieren uns hier auf die zwei wahrscheinlich wichtigsten klassischen Autoren der Ludologie.
Weiterlesen: RPGnossar (5): “Spiel” vs. “Game” und “Play”Spiel
Der Begriff “Spiel” ist insofern besonders, als dass er im Deutschen eine immense Bedeutungsvielfalt hat. Er beinhaltet explizit als solche verstandene Freizeit-Spiele (Ballspiele, Kartenspiele und so weiter), aber auch Wettkämpfe, Leistungssport ebenso wie Theater und andere Schauspiele bis hin zu bestimmten sozialen Verhaltensweisen oder Sprachverwendungen.
In vielen Sprachen gibt es ganz unterschiedliche Konnotationen des Begriffs, wie Johan Huizinga im Homo Ludens (1939) detailliert ausführt. Das ist eines der absoluten Standardwerke, wenn es um Spiele geht, ebenso wie Die Spiele und die Menschen (Les jeux et les hommes, 1958) von Roger Caillois. Spiele sind laut Caillois (Huizinga weiterentwickelnd) durch sechs Eigenschaften definiert:
- Die Leute machen das freiwillig
- Spielen ist “unproduktiv”, d.h. es hat keinen “höheren Zweck” (wie Arbeit)
- Spiele finden an einem räumlich und zeitlich definierten Ort statt
- Definierte Regeln bestimmen den Ablauf
- Das Spiel schafft eine Art “fiktiver Wirklichkeit”
- Ausgang und Verlauf sind (in unterschiedlicher Ausprägung) offen und ungewiss.
Es gibt viele interessante Betrachtungskategorien für Spiele – seien das Caillois’ Bestandteile Agon, Alea, Ilinx und Mimikry oder die Spielweisen von Ludus und Paidia, entwicklungspsychologische “Stufensysteme” verschiedener Arten von Spielen oder umfassende Klassifikationen je nach Tätigkeit, benutztem Spielmaterial und so weiter.
Für uns hier lohnt aber insbesondere die Gegenüberstellung mit dem englischen Sprachgebrauch, denn dort hat das deutsche “Spiel” mit “game” und “play” gleich zwei Entsprechungen mit wesentlich engerem Inhalt, die in rollenspieltheoretischen Diskussionen immer mal wieder auftauchen.
Game
“Games” sind Spiele, bei denen es klare Regeln – insbesondere für Sieg oder Niederlage – gibt. Das können kompetitive Spiele aller Art sein, oder auch kooperative Spiele, bei denen der Gegner (im weiteren Sinn) ein Computer oder eine bestimmte Spielmechanik sein kann. “Games” umfassen Glücksspiele ebenso wie Schach oder Dart, reichen von Mensch-Ärgere-dich-nicht bis zu Gloomhaven oder KoSims. In Caillois’ Terminologie definiert der Begriff Ludus ein Gerüst aus klaren Strukturen und Herausforderungen, die bezwungen werden müssen.
Play
“Play” beschreibt Aktivitäten, die oft keine definierten “Siegbedingungen” haben, sondern deren Zweck in der Tätigkeit an sich liegt. Sie werden intrinsisch motiviert durch Fantasie, Neugier, Erkundungs- oder Darstellungsdrang, gewissermaßen “reinen Spieltrieb”; die Regeln sind flexibel, verhandelbar und/oder selbstgesetzt, mitutner auch „Geschmackssache“. Hierein gehören kindliche Rollenspiele (“als ob”) und freie Konstruktionsspiele ebenso wie musische Aufführungen, Wortspiele oder kreativ-sinnloser Umgang mit Alltagsgegenständen. Die Spielweise der Paidia von Caillois ist dem “play” eng verwandt.
Werden Rollenspiele nun “gegamed” oder “geplayed”?
Der englischsprachige Terminus “Role-Playing-Game” legt nahe, dass wir es bei Rollenspielen mit einem komplexen Konstrukt aus Game und Play zu tun haben. Man streitet seit langem darüber, ob der Game– oder der Play-Anteil wichtiger ist, ob es auf deutsch eigentlich “Rollenspiel-Spiel” heißen sollte, um zu betonen, dass es sich dabei um ein Spiel im Sinne eines “Game” handelt, man polemisiert von “roll-” und “role-”play, um altbekannte Gräben offenzuhalten, verteufelt Power- und romantisiert Bauern-Gaming – oder umgekehrt.
Dabei greift diese Dichotomie zu kurz – Pen&Paper ist, wie die meisten Dinge im Leben, komplexer als schwarz-weiß, und wer hier eine klare Trennbarkeit behauptet, hat seinen Caillois nicht verstanden.
Rollenspiel erlaubt verschiedene Zielsetzungen und Spielweisen sogar innerhalb des gleichen Gruppenprozesses, vereint über den Vorstellungsraum als das mentale Spielfeld und -material und vermittels Regeln, die den Rahmen für den möglichen Umgang damit vorgeben. Rollenspiele sind sowohl-als-auch, sind game und play in permanenter Wechselwirkung, beinhalten verschiedenste Spielmöglichkeiten in unterschiedlichsten Abmischungen. Das macht dieses Hobby so einzigartig – und das beschreibt der „unschärfere“ (eigentlich: umfassendere) deutsche Begriff des „Spiels“ besser als eine vermeintlich saubere Trennbarkeit (und inhaltliche Polarisierung) von game und play-Aspekten im Rollenspiel.
Siehe auch: [[Ist das Story- oder Adventure-Game, oder kann das weg?]]

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