So gelesen in vielen Ratgebern. Der Rat ist in dieser Absolutheit unhaltbar, weil er – beispielsweise – folgende Dinge missachtet:

Weiterlesen: Offene Kritik (2): “Sag als SL nie “Nein”, sondern immer “Ja” zu den Spielenden!”
  • Die Differenzierung zwischen der Intention, dem Wunsch oder Versuch, etwas zu tun und dem Ergebnis, der Ausführung, die selbstverständlich scheitern können muss, wenn die Interaktion mit der Spielwelt irgendeine Bedeutung haben soll. Ersteres kündigen Spielende an, letzteres löst die Spielleitung auf.
    • Beispiel: “SL, ich klettere die Felswand hoch.”
      • Falsche Antwort: “Ja, weil du als Dieb schon oft geklettert bist.”
      • Richtige Antwort: “Nein, denn sie ist sehr steil und fast ein Dutzend Meter hoch. Du kannst es aber mit einer deutlich erschwerten Probe versuchen.”
  • Die Kongruenz der Vorstellungsräume bzw. die Setting- oder Genre-Konformität wird bei allen Spielenden vorausgesetzt, was erfahrungsgemäß ein hoher, oft unrealistischer Anspruch ist.
    • Beispiel: “SL, meine Figur hat ein Laserschwert.”
      • Falsche Antwort: “Ok, aber damit kann ein Patzer echt gefährlich sein.”
      • Richtige Antwort: “Nein, in der 6. Welt gibt es keine Laserschwerter. Beschränke deine Ausrüstung auf die vorgegebene Auswahl.”
  • Die Abschätzung, ob die Aussage in der aktuellen Spielweltsituation überhaupt plausibel ist.
    • Beispiel: “SL, ich gehe zum nächsten Händler und kaufe mir wieder für eine Woche Proviant. Standardpreis?”
      • Falsche Antwort: “Ja, fast, leider mit +25% Preisaufschlag, weil ihr in einer belagerten Stadt seid.”
      • Richtige Antwort: “Nein, weil ihr in einer belagerten Stadt seid. Der Kommandant hat sämtliche Vorräte in die Festung bringen lassen und rationiert sie streng. Aber vielleicht gibt es einen Schwarzmarkt…?”

Korrekter wäre folgender Rat:

Sag dort “ja”, wo etwas plausibel, sinnvoll und angebracht ist und sage dort guten Gewissens “nein” wo es aus der Spielwelt(logik) heraus begründet ist.

Bedenke dabei stets die Anforderungen deines Settings bzw. Genres, der aktuellen Spielweltsituation (der Umwelt, vorhandener NSCs, deines konkreten Szenarios, laufender Ereignisse…) und natürlich die Fähigkeiten der Figur, deren Spielende/r die Aussage trifft.

Wenn du unsicher über das Ergebnis bist, verwende einen Zufallsmechanismus zur Entscheidungsfindung, der eine passende Auswahl dieser Faktoren in angemessener Weise mit einbezieht. Nutze Proben und bedenke mögliche Kosten, Chancen und Risiken der Handlungsoptionen.

Klingt nur nicht ganz so catchy.

2 Kommentare zu „Offene Kritik (2): “Sag als SL nie “Nein”, sondern immer “Ja” zu den Spielenden!”“

  1. Avatar von Jonas
    Jonas

    Moin Andreas,
    ich stimme dir in der Analyse der Probleme zu, widerspreche dir aber in der Lösung.

    1. Es gibt hier kein „Falsch“ und „Richtig“. Das Vokabular suggeriert eine starre Härte, wo eigentlich eine dynamische Weichheit angewandt werden sollte.
    2. Natürlich macht es nicht immer Sinn, „Ja“ zu sagen. Aber niemand am Tisch ist Alleinbestimmer, was wann wo oder wie in der Spielwelt zulässig ist. Wenn ein Vorschlag gegen die Vorstellung anderer geht, muss man sich eventuell einigen. Oft hilft da die Frage, was für eine Intention hinter dem Vorschlag steckt. Diese kann man dann meist in einem Kompromiss so in die Spielwelt integrieren, dass es für alle passt.

    Also bitte, liebe Spielende, unterhaltet euch! Weder ein bedingungsloses Ja, noch ein verhärtetes Nein, bringen euch mehr Spaß am Tisch. Jede Idee kann ihren Platz haben, nur manchmal muss man die Ideen an den gemeinsamen Vorstellungsraum anpassen.

    In diesem Sinne viel Spaß am Spiel,
    Jonas

    1. Avatar von Andreas (RPGnosis)

      Hallo Jonas – ich hoffe du verzeihst die leichte Zuspitzung und ich verweise mit einer hutziehenden Verbeugung auf meinen Disclaimer.
      Widersprechen möchte ich dennoch der Aussage, dass JEDE Idee in den Vorstellungsraum integrierbar ist oder sein muss. Das hängt von vielen Faktoren ab, eine wesentliche davon ist Settingplausibilität. Spiele ich in der realen Welt, darf kein Mitspieler mit einem Ewok als SC ankommen. Spiele ich Star Wars, setze uns die Spielleitung bitte keinen Balrog vor, und auch keine Tyranidenflotte. Spiele ich einen lahmen Greis, kann ich nicht erwarten dass die Spielleitung mir zugesteht, einen WWF-Profi (im wörtlichen Sinne) aufs Kreuz zu legen. Der Beispiele sind zahllose.

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