tl;dr: Das Hobby Rollenspiel unterwirft sich im Mainstream immer mehr Kommerz, Aufmerksamkeitsökonomie und oft genug auch geistiger Verflachung. RPGnosis möchte dagegen wieder aktiv werden und neue Zugänge schaffen, basierend auf Psychologie, Philosophie, Gamedesign, Pragmatik und viel subjektiver, aber begründeter Perspektive.


Rant eines alten weißen Mannes

(rant) In meiner ebenso subjektiven wie eingeschränkten Wahrnehmung ist in den letzten zehn Jahren inhaltlich-qualitativ wenig Positives im Mainstream des Rollenspiel-Hobbies passiert. Die Corona-Pandemie hat das digitale Rollenspiel nach vorne gebracht, aber das hat mindestens ebenso viele Schatten- wie Sonnenseiten. Neue Editionen der großen Systeme wie D&D, DSA, Shadowrun, Cthulhu und so weiter haben inhaltlich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf der Systemebene kaum Neues gebracht und verkommen meist mehr, selten weniger zu transmedialen Konsumprodukten. “Die Szene” ist zersplittert dank Algorithmen, Echokammern und einem jedem seinem eigenen Discord-Server. Self-Publishing-Plattformen werden vermutlich wie auch alles andere mittelfristig mit KI-Slop geflutet und die qualitativen Beiträge darin noch weiter untergehen als eh schon. Das “Vorspielen” in Actual Plays framet Rollenspiel zunehmend als eine Unterhaltungsperformance statt als komplexen individuellen Erlebensprozess. Im deutschsprachigen Raum sind im letzten Jahrzehnt tiefgängige Blogs verschwunden, die weder von den inzwischen dafür zahlreichen Podcasts noch gar von Youtubern ersetzt werden können. Nicht, dass ich was gegen Podcasts habe, schließlich habe ich vor langer Zeit selber einen (mit)gemacht, aber für die nachhaltige Auseinandersetzung mit komplexen Inhalten ist die Schriftform stets das Mittel der Wahl. Ich bedauere deswegen auch den Untergang vieler Foren und die schleichende Zersetzung des Hobbies Rollenspiel durch die ubiquitäre Aufmerksamkeitsökonomie und eine unhinterfragte Konsummentalität. (/rant)

Darum möchte ich RPGnosis wiederbeleben. Rein mit Inhalt, ohne großes Marketing zu betreiben. Wenn’s zu wenig Blogs gibt, wie ich sie gern lesen würde, muss ich halt selber wieder aktiver werden.


Worum geht es hier in Zukunft?

Inhaltlich möchte ich mich wieder stärker auf einer abstrakten Ebene mit dem Hobby Rollenspiel als Ganzem auseinandersetzen, und zwar mit (möglichst) neuen Zugängen, mit wissenschaftlicher Fundierung, mit klarer Kante und weniger Kompromissen, unter den Perspektiven von Philosophie, Psychologie und Gamedesign, von persönlicher Erfahrung und individuellen Ansprüchen geprägt. Beispielsweise mit folgenden Themen, spontan aus der Hüfte geschossen:

  • Alte Zöpfe wie das Threefold-Model/GNS abschneiden und stattdessen “echte” Gamedesign-Theorie mit Rollenspiel zusammenbringen – soweit überhaupt sinnvoll.
  • Rausfinden, wie man auch als Perfektionist die “Worldbuilder-Disease” loswird oder aus Angst vor derselben gar nicht erst anfängt, sein eigenes Setting zu Papier zu bringen.
  • Erläutern, warum “Rollenspiel ist dann gut, wenn alle Spaß haben” unter den nutzlosesten Ratschlägen, die man einer Spielleitung geben kann, einen Top-Platz belegt.
  • Darstellen, warum Pen&Paper-Rollenspiel ein echtes anthropisches Unikat und die wahrscheinlich höchstentwickelte und komplexeste Form geistigen Müßiggangs ist.
  • Diskutieren, inwiefern gerade die Verschleiß-Mechanik als Meta-Challenge von D&D, der “adventuring day” und die HP-Progression eine plausible Spielweltdarstellung behindern.
  • Den “Magic Circle” der imaginären Welten und den “Heiligen Ernst” des Rollenspiels näher beleuchten – und andere Begriffe aus Ludologie und verwandten Wissenschaften auf ihre Nützlichkeit für die Rollenspieltheorie untersuchen.
  • Erläutern, warum nur spielweltrealistische Regeln sinnvoll für ein holistisches Rollenspielerlebnis und ludonarrative Dissonanz der Killer für Entscheidungen aus Charakterperspektive sind.
  • Untersuchen, inwiefern die Spielleitung ein unverzichtbarer Teil der “Engine” des Rollenspiels sein muss, ob die “Schiedsrichter-Rolle” reicht oder ob sie gar nur eine Mitspielende wie jede/r andere am Tisch ist.
  • Das Quanten-Oger-Problem diskutieren, probabilistische Weltgestaltung, Determinismus und Illusionismus in der Vorbereitung oder dem Spielen von Szenarien aufarbeiten.
  • “Alte” Fragen klären, die sich heute anscheinend kaum mehr jemand stellt, beispielsweise verschiedene Progressions- und Belohnungssysteme (XP für Erfolge, XP für Scheitern, XP für Gold, XP für Story-Fortschritt, XP für Spielzeit und so weiter) und deren Adressaten analysieren.
  • Eigene Artikel aus der Vergangenheit “revisiten” und mit mehreren Jahren Abstand die Fragestellung nochmal neu angehen, mich selbst dabei gegebenenfalls widerlegen und korrigieren.

Künftige Formate

Da ich künftig wieder mehr bloggen möchte, heisst allerdings auch, dass ich einige Argumentationen wahrscheinlich etwas kürzen, zuspitzen und weniger stark in den Diskurs anderswo im Netz einbinden werde als von früher gewohnt. Der Grund dafür ist schlicht Zeit – bloggen macht nur regelmäßig wirklich Sinn, gleichzeitig kann ich aus praktischen Gründen nicht in jeden Artikel zweistellige Stundenkontingente stecken. Auf der anderen Seite bin ich inzwischen auch alt und gesetzt genug, um nicht mehr jeden überzeugen zu müssen oder zu wollen – wem die Inhalte hier zusagen, ist herzlich willkommen, wem nicht, der oder die mag seine oder ihre kostbare Zeit gerne anderswo verbringen.

Darum wird es in Zukunft hier auch mehr und kürzere Beiträge – geplant (mit großem g): mindestens alle zwei Wochen – geben. Darunter wird alles Mögliche sein, bestimmt auch mal ausführlichere Kommentare zu Inhalten von anderswo, Denkanstöße oder realweltliche Wissensvermittlung. Natürlich wird es aber auch etwas in der Art der früher von hier gewohnten langen und aufeinander aufbauenden Serien (z.B. zum Vorstellungsraum oder Regeln im Rollenspiel) geben. Diese Themen werde ich außerdem mit nun einigen Jahren Abstand nochmal etwas überarbeiten. Wenn ihr gute Ideen für wiederkehrende Formate habt, schreibt mir gerne eine Mail oder einen Kommentar – aus interessanten Fragen mache ich auch gerne mal einen Artikel.

Ich plane eine Reihe neuer Serien, die teils auf älteren Artikel von mir aufbauen, deren Lektüre aber nicht vorausgesetzt wird. Mit einigem zeitlichen Abstand sehe ich heute manche Dinge auch etwas anders, es lohnt sich auf jeden Fall, ein paar Themen nochmal auszugraben und neu zu bewerten.

Folgende Reihen euch mittelfristig auf diesem Blog:

  • RPGnosis intern: Hierbei geht es um dieses Blog und seinen Autor. In der Regel kürzere bis mittellange Beiträge.
  • Grundsätzliches: Grundsatzthemen über Rollenspiel als Hobby – was gehört dazu, wie funktioniert das auf einer basalen Ebene, worüber sollte man sich jenseits des akuten Spieltischgeschehens Gedanken machen? Meist eher ein Mittel- bis Langformat.
  • Theorie und Design: Hier kommen wahrscheinlich die längsten Texte. Es geht um Gamedesign, Spielmechaniken, Spielstrukturen, Genresensitivität derselben, Spielweltabbildung, Metaphysik, Agency, Kausalität und ähnliche schwergewichtige Themen.
  • RPGnossar: Zentrale theoretische Begriffe werden hier gesammelt und erläutert. Vielleicht auch mit der Zeit irgendwann mal wieder aktualisiert.
  • Psychologie im Rollenspiel: Ein Kurzformat, in dem ich Phänomene des Rollenspiels mit psychologischen Mechanismen erkläre oder andersherum psychologische Themen aufs Rollenspiel anwende.
  • Realitätscheck: In dieser Kategorie schaue ich mir einzelne Phänomene an, bei denen Realität und Rollenspielregeln üblicherweise clashen oder die gern übersimplifiziert (oder auch überdetailliert) dargestellt werden. Und warum. Hat auch einen gewissen Allgemeinbildungsauftrag, weil ja wahrscheinlich jeder schon mal an Diskussionen gelitten hat, in denen beispielsweise das Gegenüber mit seinem Wissensstand über historische Waffen und Rüstungen auf dem Niveau einer alten Galileo-Doku argumentierte oder behauptet, D&D-Regeln seien in irgendeiner Weise “realistisch”.
  • Spieltippkritik: Neben eigenen Spieltipps werde ich hier gängige Spieltipps, die man häufig liest oder hört, konstruktiv dekonstruieren. Auch und gerade dieses Thema verdient mehr Reflektion und weniger buzzwording.
  • Rückschau: Wie der Name schon sagt, werde ich mich in dieser Kategorie der Rückschau auf ausgewählte alte Artikel oder Beiträge geschätzter Personen (oder mir selbst) aus der Vergangenheit annehmen und aus heutiger Perspektive neu bewerten und kommentieren, was sich seitdem bei diesem Thema getan hat.

Neue Seite und Kontaktadresse

Nachdem ich länger damit gehadert habe, ob ich den Blog in dieser Form und an dieser Adresse weiterbetreiben oder lieber anderswo etwas Neues aufsetzen soll, dachte ich zunächst über eine minimalistische Notion-Seite nach. Allerdings bietet mir leider keine einfache öffentliche Kommentarfunktion, und die ist mir für den Austausch mit euch schon wichtig. Darum gehe ich nun den Weg einer eigenen Domain mit einer neuen Einarbeitung ins kontemporäre eigene WordPress, und einem neuen Seitenaufbau. Wenn es technisch irgendwo hakt, sagt mir bitte Bescheid. Ihr erreicht mich künftig auch unter andreas ät rpgnosis.org.

Das Blog wurde maximal datensparsam eingerichtet – wer Komfortfunktionen (wie z.B. Gravatar) vermisst, hält das hoffentlich aus.


Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier thematisch inzwischen wahrscheinlich eine ziemlich kleine Nische bediene, gerade im deutschsprachigen Raum. Dabei finde ich es wirklich wichtig, dass auch komplexere und theoretischere Themen nach wie vor öffentlich präsent sind und mit etwas Tiefgang diskutiert werden, da unser Hobby im Mainstream wie gesagt gefühlt immer mehr zu passivem Konsumismus verkommt.

Hier nicht. Hier gibt’s Diskussionen über Gamedesign, Probabilistik und Indeterminismus, Spielweltrealismus und Metaphysik, psychologische Faktoren hinter Rollenspielphänomenen und so weiter.

Wenn das bei euch nicht resoniert, geht mit Gott.

Wenn doch: Willkommen zurück im Kaninchenbau. Oder im Elfenbeinturm. Was euch mehr zusagt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert