Definition: Vorstellungsraum

Der Vorstellungsraum (VR) ist die individuelle Fantasievorstellung des intradiegetischen Geschehens, die Spielende während des Spielgeschehens in ihrem Kopf aufbauen. Quasi “das Bild vor dem Inneren Auge” inklusive aller Sinneseindrücke und sonstiger relevanter Informationen, die den aktuellen Zustand der Spielwelt betreffen – eine multisensorische Imagination dessen, was die Spielende derzeit von der Spielwelt aktiv für wahr hält.

Zweck der Interaktion zwischen den Spielenden (ob rein verbal oder mechanisch, auf jeden Fall gemäß der impliziten und expliziten Regeln des Systems) ist, eine ausreichend hohe Kongruenz der individuellen Vorstellungsräume herzustellen, um darin interessante Geschichten, spannende Herausforderungen und all die anderen positiven Aspekte des Rollenspielerlebnisses zu verwirklichen.


Die missverständliche Idee vom “Gemeinsamen” Vorstellungsraum

Meist liest man vom “Gemeinsamen” Vorstellungsraum, “shared imaginary space”. Diese Benennung ist ein missverständliches Konstrukt, das die radikale Subjektivität des individuellen Erlebensprozesses ignoriert und die Ebene der individuellen Imagination (Vorstellungsraum) mit dem Ergebnis der kommunikativen Interaktion (Spielgeschehen mit dem Ziel einer relevant großen Kongruenz der Vorstellungsräume) vermischt. Der Vorstellungsraum kann nicht “shared” im Sinn einer objektiv geteilten Spielwirklichkeit sein (so wie es das Feld eines Brettspiels oder die virtuelle Umgebung in einem Computerspiel ist), da er eine individuelle Imagination ist, die nur im eigenen Kopf stattfindet und als solche per se für andere Personen unzugänglich ist (—> Qualia).

Geteilt ist lediglich ein kleiner Anteil davon, nämlich derjenige, der ausformuliert, am Spieltisch als Fakt gesetzt und dementsprechend von allen Spielenden in ihren individuellen VR integriert wird. Ich nenne dies den kongruenten Teil der Vorstellungsräume.

Die individuellen VR können sehr unterschiedlich sein . Ich kann mir ein fotorealistisches Abbild der Spielwelt imaginieren, vielleicht filmhaft mit Perspektiven und Schnitten, oder auch rein aus der ersten Person-Perspektive meiner Figur. Meine Mitspielende nebenan sieht ihr inneres Bild der Spielwelt vielleicht – geprägt durch ihre visuelle Prägung – aus einer “third-person”-Perspektive und ihren Charakter von außen. Die dritte Person am Tisch stellt sich ihren VR vielleicht aus der Vogelperspektive und außerhalb ihres direkten Aktionsradius stark unscharf vor, während sie parallel direkt Spielwerte von möglichen Gegnern im Kopf hat. Und die Spielleitung wechselt vielleicht zwischen stimmungsvollen Beschreibungen, die sie direkt verbal darzustellen versucht, ihrem eigenen Flussdiagramm von Szenen (als eine Art fokussiertes “Zeit- und Kausalitätsnetz” der Spielwelt) und rein abstrakten mechanischen Abbildungen von Initiativleisten oder Kampfplatzskizzen. Und der vierte Mitspieler schafft es vielleicht gar nicht, ein zusammenhängendes Bild der Spielwelt für sich zu erzeugen und imaginiert nur kurze Szenen oder Bilder, vielleicht fokussiert auf mechanische Handlungsmöglichkeiten, ohne Einbeziehung des intradiegetischen Zeitverlaufs und auch die Figuren der Mitspielenden weitgehend ausblendend. Dennoch ist die Kongruenz meist hoch genug, dass ein gemeinsames Spielen in dieser Gruppe möglich ist, da man (meist über die Spielleitung) Einigkeit über wesentliche Fakten in der Spielwelt hat.


Der VR ist das Einzigartige am Pen&Paper-Rollenspiel

Der VR ist der Dreh- und Angelpunkt beim P&P. Seine Individualität ermöglicht verschiedenste Zugänge zum Spiel, erlaubt Handlungsfreiheit (sowohl narrativ wie individuell) und Ziel-Offenheit, die Freiheit von Inhalten und Strukturen, und bietet die unendliche Freifläche für die eigene Kreativität.

Das, was das Pen&Paper-Rollenspiel von allen anderen Spielen, von LARP und Computerspielen wesentlich unterscheidet, ist die individuelle Imagination als das “Spielfeld”, das endlos groß ist und endlose Möglichkeiten bietet. Der Vorstellungsraum ist im wahrsten Sinn des Wortes nur beschränkt durch die eigene Fantasie – das macht P&P so einzigartig.

Da der VR gleichermaßen so umfassend und omnipräsent, so selbstverständlich und dabei individualisiert zugänglich ist, hat er als eigene Entität in der Rollenspieltheorie bislang viel zu wenig Beachtung gefunden.

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